Filmclub Bali
 

SPASMO

(Italien, 1974) R: Umberto Lenzi

Der Millionenerbe und Großindustriellen-Spross Christian Baumann (Robert Hoffmann, erst mit Vollbart, dann ohne) findet bei einem Spaziergang am Strand die bewusstlose Barbara (Suzan Kendall), die ihn dermaßen fasziniert, daß er für sie seine Freundin Xenia (Maria Pia Conte) in den Wind schießt. Aus dem geplanten Schäferstündchen wird jedoch nichts, denn ein mysteriöser Einbrecher (Adolfo Lastretti) dringt in das Motelzimmer ein und wird von Christian – scheinbar – erschossen. Kurze Zeit später ist die Leiche spurlos verschwunden. Christian kriegt es mit den Nerven zu tun und flieht mit Barbara ans Meer zum Haus einer verreisten Freundin. Dort treffen sie auf einen Untermieter namens Malcolm (Guido Alberti) und seine schöne junge Frau Clothilde, die ihnen Unterschlupf gewähren. Was geht vor sich? Wer ist der Unbekannte mit der Sonnenbrille, der Christian zu beobachten scheint? Was hat es mit den Schaufensterpuppen auf sich, die überall auftauchen? Was ist das Geheimnis der blutigen Gartenschere? Und welches undurchsichtige Spiel treibt Christians Bruder Fritz (Ivan Rassimov)? Irritation, Misstrauen und Selbstzweifel regieren...
Spasmo
Ich kann mich noch gut an meine erste Begegnung mit der Greenwood-Videokassette von SPASMO erinnern: Es war Mitte der 80er, ich war gerade auf dem Slasher-Trip und lieh das Tape aus, weil das Cover (Hand mit Küchenmesser) einschlägige Kost versprach. Nach etwa 45 Minuten riss ich die Kassette entnervt aus dem VCR und pfefferte sie zornig gegen die Wand.
Heute bin ich gesetzter und geduldiger und habe darüber hinaus jahrelange Erfahrungen auf dem Giallo-Sektor zusammengetragen – es war also an der Zeit, dem Film eine zweite Chance zu geben.
Zwar habe ich SPASMO dieses Mal nicht durchs Wohnzimmer geschleudert, aber leider lässt der Film mich ratlos und zwiespältig zurück. Er hat durchaus seine Qualitäten, wenn man ihm sehr wohlwollend begegnet. Am Ende überwiegen aber doch die Defizite.
Diese äußern sich vor allem beim Drehbuch (co-geskriptet von Massimo Franciosa, der immerhin mit Pasquale Festa Campanile zahlreiche gelungene Drehbücher und Theaterstücke schrieb), das sich in seinem Dilettantismus kaum in Worte fassen lässt. Holprig, wirr, konfus, ungeschickt, zerfahren – das sind Begriffe, die mir während der Sichtung durch den Kopf spukten. Resümierend muss man sagen, daß dieses Skript nicht das leiseste Gespür für die Grundbegriffe der Dramaturgie aufbringt, was zur Folge hat, daß der Zuschauer sehr bald jegliches Interesse an den Vorgängen verliert. Der Anfang macht zwar neugierig und die "Auflösung" (der bizarrste Plot-Twist, den ich je in einem Giallo gesehen habe!) am Ende ist gar nicht mal so übel gelungen, entschädigt aber nicht für die lähmenden Durchhänger im Mittelteil. Die Desorientierung, die Christian im Verlauf der Handlung befällt, überkommt auch den Zuschauer – aber auf ungute Weise.
Das Unglaublichste sind aber die Dialoge. Unter gewissen Voraussetzungen (Drogeneinfluss oder spastische Lähmung, zum Beispiel) mag das Ganze äußerst lustig sein, denn die Zwiegespräche der Protagonisten sind teilweise dermaßen hanebüchen und sinnentleert, daß beinahe surreale Qualitäten erreicht werden. Ich könnte seitenlange Ausführungen mit Schlagabtauschen füllen, die sich die Figuren liefern, aber das würde jeden Rahmen sprengen. Teilweise glaubte ich, nicht recht zu hören und musste zurück spulen...
Ich bin mir nicht sicher, ob die deutsche Synchronisation Schuld daran trägt, oder ob die Dialoge bereits in der Originalfassung ein derartiger Haufen durchgequirlter Humbug sind. In jedem Fall ist die deutschsprachige Vertonung nicht sonderlich gelungen, die Sprecher agieren lustlos oder überkandidelt, die Stimmen sind zum Großteil unpassend. Der Sprecher, der Ivan Rassimov synchronisiert, ist ein schlechter Witz.
Das Dilemma wird nicht besser durch die Leistungen der Schauspieler und die Regie. Speziell Robert Hoffmann und Suzy Kendall chargieren beide permanent am Rande der völligen Hysterie – nur kapiert man meistens gar nicht, warum sie das tun. Die Kendall ist obendrein alles andere als eine begabte Darstellerin. Sie beherrscht gerade mal zwei Gesichtsausdrücke und die setzt sie während der gesamten Handlung, je nach Gusto, abwechselnd auf. Immerhin hat sie Giallo-Erfahrung, sie trat nämlich außerdem in Argentos DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE und Sergio Martinos TORSO auf. Daß Hoffmann ein passabler Akteur ist, bewies er hinlänglich in Ernesto Gastaldis vorzüglichem Biker-Thriller ROCKER STERBEN NICHT SO LEICHT, hier wird er leider von der Regie im Stich gelassen und schwankt zwischen Farblosigkeit und Overacting. Ivan Rassimov bestreitet eine relativ kleine Rolle und bleibt dabei ungewohnt blass. Außerdem sehen wir noch den gestandenen Guido Alberti (u.a. DAS SYNDIKAT DES GRAUENS), der in über 50 italienischen Genre-Produktionen mitwirkte, in einer vollkommen wirr angelegten Rolle, über deren Sinn ich bis heute nachgrüble. Den besten Job erledigt noch Adolfo Lastretti (DIE KILLER-MEUTE) als mysteriöser Killer-der-gar-kein-Killer-ist, dessen morbide und schmierige Ausstrahlung das Ensemble vor der totalen Belanglosigkeit rettet.
Auch die streckenweise furchtbar öde Inszenierung lässt jeden Sinn für Spannungsaufbau schmerzlich vermissen. Ursprünglich sollte übrigens Lucio Fulci den Film inszenieren, er war aber unabkömmlich, weshalb man Lenzi unter Vertrag nahm. Man darf spekulieren, was Onkel Lucio wohl aus dem Stoff herausgekitzelt hätte...
Was den Zuschauer dennoch bei der Stange hält, ist vor allem die sehr gelungene Kameraarbeit. Stellenweise hat man das Gefühl, Umberto sei während des Drehs eingeschlafen und Kameramann Guglielmo Mancori habe versucht zu retten, was noch zu retten ist. Sämtliche Szenen, in denen die gruseligen Schaufensterpuppen auftauchen, sind auch wirklich unheimlich und verbreiten einen Ansatz von Gänsehaut-Atmosphäre. Auch die sehr stimmigen Locations sind geschickt ausgewählt und werden ansprechend in Szene gesetzt – wenn das Gehirn schon Pause hat, darf wenigstens das Auge schwelgen. Und, wo wir schon bei den Pluspunkten sind, das Ohr: denn das mit Abstand beste an SPASMO ist der herausragende Score von Meister Ennio Morricone, der wunderschöne und einprägsame Melodien und Chöre mit äußerst schrägen, nervenaufreibenden Dissonanzen vermischt. Genial, ich habe mir umgehend den Soundtrack auf CD bestellt. (Darauf ist eines der musikalischen Hauptthemen, passenderweise als "Stress Infinito" bezeichnet, in einer 18minütigen Folter-Version enthalten!)
Apropos: Die DVD von Eyecatcher hat eine Bildqualität, die so lala ist. Der Ton ist ziemlich verrauscht und stellenweise arg dumpf, der 5.1-Ton ist ein splitted upmix, den man in den Eimer treten kann. Unter den Extras befindet sich der erwähnte Soundtrack. Theoretisch eine wunderbare Sache, nur ist die Qualität miserabel – der Ton leiert, als habe man als Master eine Vinylscheibe verwendet, die zu lange in der Sonne gelegen hat.
Fazit: Ich denke, die einzige Möglichkeit SPASMO rundum zu genießen, ist es, den Film als unfreiwillige Komödie zu begreifen und sich über diese komplette Wirrnis und die herrlich schwachsinnigen Dialoge totzulachen. Oder man akzeptiert ihn als bizarren Traum und quasi-surreale Erfahrung, die auf jede nachvollziehbare Logik und Kohärenz pfeift. Ansonsten hilft nur: die gelungenen Bilder und die Musik auf sich wirken lassen.
Trotz den obenstehenden Ausführungen (oder gerade deswegen?) möchte ich SPASMO nicht in meiner Sammlung obskurer Filme missen. Seltsam, aber so steht es geschrieben...
Lieblingszitat:
"Es ist alles so absurd und sinnlos!"
"Ja, alles ist so banal!"


(Banal, anal, total egal...)
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