Filmclub Bali
 

SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN

("L´Antichristo", Italien 1974) R: Alberto de Martino

Seit einem Autounfall leidet Ippolita (Carla Gravina) an einer Lähmung der Beine und kann sich nur mühsam am Gehstock oder im Rollstuhl fortbewegen. Was obendrein zu ihrem Unglück beiträgt, ist ihre sexuelle Frustration – weil sie behindert ist, so glaubt sie, interessiere sich kein Mann für sie. Beim Besuch einer Marienstatue, der heilende Wunderkräfte zugesprochen werden, kommt sie in Berührung mit einem verdächtigen Typen, der Züge von Besessenheit trägt und sich kurz darauf von einer Mauerruine in den Tod stürzt.
Die hochsensitive Frau entwickelt bald danach paranormale Fähigkeiten wie Hellsicht und Wahrträume. Dabei bleibt es jedoch nicht – Ippolita beginnt zunehmend, ihre Mitmenschen zu terrorisieren, versetzt das Mobiliar des Hauses in den Schwebezustand, verführt Minderjährige und gibt mit dröhnender Teufelsstimme Obszönitäten von sich. Die regressive Rückführung durch einen Psychiater enthüllt, daß sie ihre Seele bereits in einem früheren Leben vor 400 Jahren dem Gehörnten verschrieb. Ein alter Bettelmönch (George Coulouris) wird als Exorzist hinzugezogen...
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Der verdienstvolle Handwerker unter Italiens Regisseuren der 70er und frühen 80er, Alberto de Martino, drehte diesen schönen Okkult-Schocker im Jahr 1974 – wie unschwer zu erkennen ist, als unmittelbare Reaktion auf den Erfolg von William Friedkins DER EXORZIST.
Aber L´ANTICHRISTO ist viel mehr als ein simples Rip-Off, denn er wartet mit zahlreichen Elementen auf, die das Vorbild sich nur zaghaft anzukratzen getraut. Und im Gegensatz zum Pseudo-Moralisten Friedkin verzichtet de Martino löblicherweise auf prätentiöse Sozialkritik und erhobenen Zeigefinger.
Ippolitas Liebe zu ihrem reichen Vater (Mel Ferrer) trägt beinahe schon inzestuöse Züge; entsprechend verfolgt sie mit wachsendem Hass die sich anbahnende Liebesbeziehung zu seiner Assistentin Greta (leider eine etwas magere Rolle für die hinreißende Anita Strindberg). Der Herr Papa gibt sich wiederum die Schuld an dem verhängnisvollen Autounfall, bei dem auch Ippolitas Mutter ums Leben kam. Ihr Onkel, der Priester Ascanio (Arthur Kennedy), fürchtet um ihr Seelenheil ("Außerhalb der Kirche gibt es keine Hilfe!") und hat keinen Sinn für ihre wahren Probleme, die eher psychologischer Natur sind. Beistand erhält sie von dem Psychiater Dr. Sinibaldi, der jedoch ein Atheist ist und für Ippolitas Verfall nur naturwissenschaftliche Gründe gelten lassen will. Die arme Ippolita steht also ganz allein da, und ergo werden dem Bocksfüßigen Tür und Tor geöffnet...
Bereits die Expositionsszene hat es in sich und gehört zum Besten, was de Martinos Schaffen zu bieten hat: Religiöse Fanatiker huldigen in ekstatischer Raserei einer Marienstatue. Vom heiligen Blitzschlag Getroffene wälzen sich zuckend am Boden, Schwachsinnige und Debile geifern in Erwartung von Wundern, Frauen raufen sich kreischend die Haare. Selten habe ich eine überzeugendere Darbietung von katholischem Wahn auf der Leinwand gesehen – wahrscheinlich waren die Darsteller authentisch (im ländlichen Süditalien findet man bestimmt heute noch genügend Verwirrte dieser Sorte).
De Martinos Film überzeugt durch eine geschickte und zunächst sehr gemächliche Inszenierung, die viel Raum für die Entwicklung seiner Charaktere lässt. Das Hauptaugenmerk liegt dabei stets auf Ippolita und ihrem Leid. Später, wenn die Daumenschrauben spürbar angezogen werden, gelingen dem Regisseur einige sehr wirkungsvolle und atmosphärische Szenen, die zwar simpel, aber höchst effektiv gestaltet wurden – so z.B. die surrealen Traumszenen, das Inquisitions-Tribunal oder die berüchtigte Schwarze Messe (der Dämonen).
Die Levitations-Effekte wirken zwar etwas lächerlich und lassen sich als billige Tricks enttarnen, aber schließlich befinden wir uns auch nicht im Zeitalter der CGI-Orgien – hier war noch rechtschaffene Handarbeit gefragt.
Die Leistung sämtlicher Darsteller ist ordentlich – aber die großartige Carla Gravina entfaltet in L`ANTICHRISTO ihr beachtliches Talent zu voller Pracht und spielt alle anderen mühelos gegen die Wand. Die Vielfalt und der Facettenreichtum, mit dem sie ihren Charakterwandel mit Leben füllt, sind ehrfurchtgebietend. Umso beeindruckender ist die Tatsache, daß ihre Rolle dabei niemals ins Lächerliche abdriftet.
Ennio Morricones extrem schräge und disharmonische Musik unterstreicht die Vorgänge dabei aufs Trefflichste. Erwähnenswert ist auch die fantastische Fotografie, die jede Kameraeinstellung zu einem optischen Leckerbissen gerinnen lässt. Zu Beginn des Films haben die Bilder noch semidokumentarischen Charakter, im Hauptteil glänzen sie dann mit opulenter Eleganz, während der dritte Akt in erster Linie mit manischer Handkamera bestritten wurde. Umso erstaunlicher, denn hinter der Linse stand niemand Geringeres als Aristide Massaccesi himself (besser bekannt als Joe d´Amato), der in seinen eigenen Filmen weniger Wert auf visuelle Finnesse legte...
SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN ist bislang in Deutschland nur als Videokassette erschienen und wurde um zwanzig Minuten (!) gekürzt. Umso alberner, denn im Free-TV (Tele 5) lief bereits die ungeschnittene Fassung. Es wäre also an der Zeit, diesem unterschlagenen Kleinod des Beelzebub-Films eine verdiente Heimat auf einem anständigen Datenträger zu geben.
Die amerikanische DVD von Anchor Bay ("The Antichrist") ist hervorragend und enthält außerdem ein 10minütiges Gespräch mit de Martino, der sehr launig erzählt und wie ein netter Kerl rüberkommt.
(Die deutsche Synchronfassung kenne ich nicht. Allerdings halte ich die für nicht unbedingt notwendig, da Ippolita um Zustand akuter Besessenheit ja auch im Original gerne in die deutsche Sprache verfällt und der armen Anita Strindberg Sachen an den Kopf wirft wie: "Na, wie viele Schwänze steckten schon in dirrr drrrin, du Sau?!" – Die Frage wird von Anita leider nicht beantwortet...)
- Pelle -
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