Filmclub Bali
 

SCHOOL OF THE HOLY BEAST

("Seijû gakuen", Japan 1974) R: Norifumi Suzuki

Die junge und hübsche Maya (Yumi Takigawa) sagt ihrem wilden Partyleben Sayonara und begibt sich in die Abgeschiedenheit des Nonnenkonvents Kloster St. Clore. Nur scheinbar will sie ihr künftiges Leben in züchtiger Hingabe dem Herrn Jesus widmen; in Wahrheit versucht sie Hinweise auf ihre im Dunklen liegende Vergangenheit zu finden – warum starb ihre Mutter innerhalb der dräuenden Klostermauern, und wer war ihr Vater? Bis sie jedoch das grausige Geheimnis ihrer Herkunft ergründen kann, muss sie zahllose Versündigungen gegen das klösterliche Gelübde mit ansehen und wird schließlich selber tief in einen Sumpf aus Unterdrückung, Sex und Gewalt gezogen...
School of the Holy Beast
Die Geschichte ist zugegebenermaßen so einfältig, wie es bei Nunploitation-Filmen meistens der Fall ist, auch wenn Regisseur und Autor Norifumi die Story mit einem Whodunit-Plot aufpoliert. Zu Beginn des Films gibt Maya noch einmal richtig Vollgas, bevor sie dem weltlichen Dasein entsagen muss: Sie vergnügt sich mit ihrem Lover im Sündenbabel Shinjuku, der Abend endet freilich zwischen den Laken.
Kaum ist sie im Kloster angekommen und muss den Minirock gegen die strenge Nonnentracht eintauschen, dauert es auch nicht lange, bis das Drehbuch uns die ersten dezenten Sadismen auftischt. Des Nachts ergehen die "niederen" Nonnen sich in ausgiebiger Selbstkasteiung, was Anlass zur Schau von sattsam Blut und Titten bietet. Die Sünde verführt das schwache Fleisch halt immerzu und überall, daher muss es gegeißelt werden!
Es folgen die gängigen Zutaten, die einem katholischen Cocktail dieser Machart die nötige Schärfe verleihen: reichlich lesbischer Sex (Norifumi hat hier eine geschickte Symbolik eingesetzt, um im Mummu-feindlichen Japan einen Cunnilingus darzustellen), Masturbation, Drogenmissbrauch, Erniedrigungen und Bestrafungen jeglicher Coleur. Norifumi lebt seinen sadomasochistischen Fetisch voll aus, aber dazu ist das Genre ja auch gedacht, es sei ihm also verziehen.
Was den Stil von SCHOOL OF THE HOLY BEAST ellenlang aus dem Brei der typischen Genreklischees herausragen lässt, ist die exzellente Scope-Fotografie und die geradezu revolutionäre Farbgestaltung des Films. Besonders was die rauschhaften Farbexperimente und psychedelischen Ausleuchtungen der Szenen angeht, stellt Norifumi eine ernsthafte Konkurrenz für Mario Bava und Dario Argento dar. Auf geschickte Weise spielt er mit Komplimentärkontrasten, kraftvollen Rot- oder Blautönen hinter dunklen Hintergründen und strengen Schwarzweiß-Kompositionen, die durch grelle Effekte (immer wieder: Blut) durchbrochen werden.
In einer Folterszene in der Mitte des Films, die dermaßen "over the top" ist, daß man sie einfach gesehen haben muss, um es zu glauben, steigert der Film sich in geradezu deliriöse Rauschzustände – ich sage nur: Rosen sind rot und haben Dornen.
Auch die Bildgestaltung seiner wundervollen 2,40 : 1 Scopeaufnahmen unterliegt (typisch japanischen) symmetrischen Kompositionen, eine Ordnung die jedoch immer wieder auf anarchisch-lustvolle Art zerstört und aufgelöst wird.
Diese malerische Herangehensweise an das Medium Film ist jedoch in Japan nichts wirklich Ungewöhnliches – die Regisseure hatten oftmals eine künstlerische Ausbildung genossen, bevor sie hinter die Kameralinse traten, wie es ja auch bei Bava der Fall war.
Dies bedeutet jedoch nicht, daß der Film an einer selbstverliebten "Style over Substance"-Choreografie krankt – Norifumi treibt seine Story angenehm temporeich und spannungsgeladen vorwärts, das Drehbuch räumt sich durchaus Zeit und Ruhe zur Charakterentwicklung ein und Langeweile kommt zu keiner Sekunde auf.
Das Ensemble setzt sich dieses Mal aus weniger bekannten Schauspielerinnen zusammen (männliche Nebenrollen gibt es nur drei an der Zahl). Nach Reiko Ike oder Miki Sugimoto hält man vergeblich Ausschau, Yumi Takigawas Puppengesicht mit Schmollmund ist jedoch ebenfalls eine Augenweide und passt hervorragend zum dargestellten Charakter. Die Rolle der Maya war ihr Einstand im Exploitationfilm, danach folgten etliche weitere Werke, in denen sie zu sehen war – unter anderem im großartigen GRAVEYARD OF HONOR von Kinji Fukasaku, in den Kung Fu-Krachern KARATE BEARFIGHTER und KARATE BULLFIGHTER an der Seite von Sonny Chiba, sowie der Fortsetzung der SASORI-Reihe, NEW FEMALE CONVICT SCORPION # 701.
Anfang der 90er Jahre erinnerte sich Fukasaku an sie und stellte sie in seinem sehr guten Gangsterdrama TRIPLE CROSS erneut an die Seite von Sonny Chiba. Auch in Takashi Ishii´s GONIN 2 von 1996 war sie zu sehen.
An Yumis Seite spielt ein weiteres bekanntes Gesicht des japanischen B-Films der 70er, Yayoi Watanabe, die in dreien der SASORI-Teile mitspielte und sich außerdem in etlichen Yakuza- und Sukeban-Filmen foltern ließ. In Norifumis GIRL BOSS BLUES: QUEEN BEE´S CHALLENGE drehte sie den Spieß dann um.
Norifumi Suzuki, ein bekennender Anarchist, hat seine Pinky Violence-Filme stets auch als Plattform für harsche Gesellschaftskritik genutzt, was sich in teilweise höchst subversiven Attacken gegen die herrschenden Instanzen äußert. Ziel seiner Angriffe war vor allem die (christliche) Religion und die Kirche, deren repressive Strukturen er zutiefst verabscheut. In SOTHB kulminiert seine Verachtung – nicht umsonst ist der Film das einzige Exemplar des Nunploitation im Land der aufgehenden Sonne, wo Shintōismus und Buddhismus die dominanten Religionsformen sind. Sein Vorhaben, einen kontroversen Nonnen-Schocker mit Kirchenkritik zu verknüpfen ist ihm augenscheinlich gelungen; der Film ist das Extrembeispiel für Nunploitation schlechthin und lässt die europäischen Entsprechungen von Franco, Mingozzi & Konsorten im Vergleich alt aussehen. Zumal der visuelle Stil und die technische Brillanz des Films ihn fast schon in die Riege der Arthouse-Fraktion erheben.
Dennoch ist SCHOOL OF THE HOLY BEAST in erster Linie ein rasiermesserscharfer Exploitation-Reißer und sicherlich der Höhepunkt des an Gipfeln nicht armen Schaffens von Suzuki.
Kein Film, den man sich zu Weihnachten mit der Familie anschauen sollte.
Die DVD stammt von Cult Epics und hat eine geradezu unverschämt gute Bildqualität. Auch der Ton ist für das Alter des Films fantastisch, es liegt die japanische OF mit engl. UT vor. Das Bonusmaterial umfasst ein Video-Interview mit Yumi Takagawa und dem Filmkritiker Risaku Kiridoushi, sowie den Kinotrailer. Schmerzlich vermisst habe ich einen kompetenten Audiokommentar von Chris D., der diese Veröffentlichungen häufig veredelt.
- Pelle -
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