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THE WALKING DEAD

(TV-Serie, USA 2010) R: Frank Darabont u.a.

In den USA ist die Zombie-Apokalypse hereingebrochen. Die Toten wandeln und gieren nach dem Fleisch der Lebenden. Niemand weiß, wie es passierte und was der Auslöser war. Es kam über Nacht und veränderte das Antlitz der zivilisierten Welt. Die Konsumgesellschaft wurde in Chaos und Zerstörung gestürzt.
Der Zuschauer steigt in diese Geschichte ein, als alles bereits seit einige Wochen im Gange ist. Der Kleinstadtsheriff Rick Grimes (Andrew Lincoln) wird bei einem Schusswechsel verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert, wo er lange Zeit im Koma liegt. Als er erwacht, ist das Hospital menschenleer und verwüstet, überall türmen sich Leichenberge, Fliegenschwärme verdunkeln den Himmel. Verstört bahnt Rick sich den Weg durch eine Welt in Trümmern, nur um allzu schnell herauszufinden, daß nicht alle Toten liegen bleiben. Mühsam schleppt er sich zu seinem Haus, doch seine Frau und seinen kleinen Sohn trifft er dort nicht an – sind sie Opfer der „Walkers“ geworden oder leben sie noch? Nach kurzer Verzweiflung kehrt Ricks Hoffnung und Überlebenswille zurück. Er ist überzeugt davon, daß seine Familie noch lebt. Ganz auf sich allein gestellt macht er sich auf den Weg in die nächste Großstadt. Dort trifft er nicht nur auf Horden von Zombies, sondern auch auf weitere Überlebende…
Walking Dead
Im Jahr 2003 schuf Robert Kirkman die – zunächst nur als sechsteilige Miniserie konzipierte – Horror-Graphic Novel „The Walking Dead“. Sieben Jahre, 78 Einzelausgaben und 13 Sammelbände später ist die Serie zu einem der populärsten und erfolgreichsten Comic-Bestseller der Neuzeit avanciert – es war also nur eine Frage der Zeit, bis ein gewiefter Produzent das Erfolgskonzept auf Leinwand oder Bildschirm übertragen würde.
In diesem Fall heißt der Produzent, Entwickler und Stamm-Regisseur Frank Darabont (gemeinsam mit Gale Anne Hurd), der sich als Stephen King-Spezialist mit Filmen wie THE GREEN MILE, DIE VERURTEILTEN oder DER NEBEL einen Namen machte. Bereits als Student schuf er mit THE WOMAN IN THE ROOM einen äußerst gelungenen Kurzfilm nach einer Shortstory von King. (In Deutschland auf der „Stephen King Nightmare Collection“ unter dem Titel VERGIFTET bei VCL erschienen.) Der Startschuss für die aufwändige TV-Produktion von Fox erfolgte 2009, die Erstausstrahlung in den USA fiel auf den 31. Oktober 2010, passender weise Halloween. Am 5. Dezember flackerte die letzte Folge der (nur sechs Episoden umfassenden) ersten Staffel über die amerikanischen Bildschirme, aber bereits nach den phänomenalen Einschaltquoten der ersten Folge war es beschlossene Sache, eine zweite Staffel mit 13 neuen Folgen zu produzieren.
Es ist schön, amerikanische Freunde zu haben, denn dadurch flatterte mir letzte Woche eine DVD mit der kompletten ersten Staffel von THE WALKING DEAD ins Haus. Bereits am frühen Nachmittag wurden die Fenster verdunkelt, die Türen verrammelt und das Telefon ausgestöpselt; sechs Stunden später, während derer ich zu essen, zu trinken und aufs Klo zu gehen vergaß, saß ich völlig fassungslos und wie weggeblasen im Sessel…
Um es kurz zu machen: THE WALKING DEAD ist mit großem Abstand das Beste, was das Genre des Zombiefilms jemals hervorgebracht hat. Punkt.
Natürlich erfindet die Serie das Rad nicht neu, sämtliche Situationen sind sattsam bekannt. Darabont und seine Mitstreiter erweisen sich sogar als äußerst zitierfreudig – der Anfang im Krankenhaus hat frappierende Ähnlichkeiten mit 28 DAYS LATER, und immer wieder werden bewährte Zombiefilm-Setpieces aufgetischt: die eingeschlossene Gruppe Überlebender im Einkaufszentrum, die Kanalisation, die Militärbasis, der mit Autowracks verstopfte Highway. Was TWD auszeichnet, ist die Herangehensweise an diese Klischeesituationen, die stets für frischen Wind sorgt. Vor allem ist es der ungeschönte, teilweise schmerzhafte Realismus, der die Verfilmung von anderen artverwandten Werken wohltuend abhebt. Der Schrecken der Bilder findet, wie so häufig in modernen Horrorgeschichten, seine Basis in der Wirklichkeit – Erinnerungen an aktuelle Katastrophen werden unsanft aus dem Unterbewusstsein gezerrt.
Im Mittelpunkt der Ereignisse steht immer der Mensch, vor allem die Hauptfigur Rick Grimes. Niemals verlässt die Inszenierung den Focus auf Grimes, die gesamte Handlung wird ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Kern der Geschichte ist weniger die Apokalypse, sondern die Wahrung der Menschlichkeit in einer Zeit des totalen Chaos, in der humane Werte zunehmend zu verfallen drohen. Die tatsächliche Gefahr, die wahre Bestie, das ist der Mensch – die Überwindung des inneren Monsters stellt die größte Herausforderung dar.
In diesem Sinne nehmen sich die exquisiten Drehbücher der sechs Episoden viel Zeit und Raum für die Beleuchtung der Charaktere und deren Vielschichtigkeiten. Hier ist niemand einfach nur gut oder böse, es gibt kein Schwarz oder Weiß. Es geht um echte Menschen und deren Probleme miteinander und mit sich selbst, um die Schwierigkeiten, sich in Konfliktsituationen zusammenzuraufen. „There's us and the dead. We survive this by pulling together, not apart.”, sagt Rick an einer Stelle sehr zutreffend.
Die Scripts legen großen Wert auf wirklichkeitsnahe Dialoge. Die Protagonisten sondern keine coolen Oneliner ab, sie reden wie Menschen wirklich reden würden, wenn das Unaussprechliche geschehen würde.
Die wandelnden Toten (die übrigens zu den klassischen „Schlurfern“ zählen und weniger zu den neumodischen „Sprintern“) sind lediglich das bestimmende und wegweisende Element des allgegenwärtigen Terrors und geben die Rahmenbedingungen für das Handeln der Charaktere vor. Die Bedrohung ist letztendlich austauschbar: anstelle von Zombies könnten es auch Vampire, Triffids oder wilde Berggorillas sein.
Ein gewaltiger Pluspunkt besteht auch in Darabonts geschickter und behutsamer Inszenierung. Glücklicherweise verzichtet er völlig auf den modernen Schnickschnack, der in zeitgenössischen TV-Produktionen scheinbar unausweichlich geworden ist: hektische Schnitte, Mockumentary-Kamera oder pseudo-experimentelle Technik-Spielereien sucht man bei TWD vergebens. Die Regieführung ist gekonnt ruhig und besonnen, Darabont lässt sich viel Zeit bei seiner Inszenierung und bedient sich altehrwürdiger narrativer Stilmittel. Das ist Erzählkunst der alten Schule, die man in dieser Form nur noch selten zu sehen bekommt.
(Exkurs: Dem deutschen Pay TV-Sender Fox war diese Erzählweise wohl zu ruhig und man fürchtete, die Ego Shooter-Generation, die man als Zielpublikum anvisierte, könnte die Geduld verlieren und abschalten – daher kürzte man beinahe jede Einstellung und jede Szene wüst zusammen, wodurch ein Großteil der Atmosphäre flöten ging!)
Ein solch ambitioniertes Unterfangen steht und fällt natürlich mit den Darstellern, und in dieser Hinsicht ist Darabont ein Griff in die Goldgrube geglückt. Allen voran überzeugt natürlich Hauptdarsteller Andrew Lincoln als Kleinstadtsheriff Rick Grimes auf ganzer Linie. Lincolns Leistung ist umwerfend – er verkörpert sowohl seine große Verletztheit und Verwirrung, als auch Entschlossenheit, mimt den Helden wider Willen, ohne jemals seine Menschlichkeit einzubüßen. Er ist der Archetyp des „letzten guten Mannes“, der tut, was getan werden muss. Es ist dem Drehbuch und Lincolns Schauspielkunst hoch anzurechnen, daß er bei der Charakterisierung seiner Rolle niemals in stumpfen Pathos oder heroische Gesten abdriftet, sondern immer wieder auch falsche Entscheidungen trifft, mit deren Konsequenzen er leben muss. Seine Figur hat insofern Vorbildcharakter, da er den – in chaotischen Zeiten um so seltener anzutreffenden – rechtschaffenen Menschen verkörpert, der die humanen Werte aufrecht erhält.
Aber nicht nur Lincoln, auch sämtliche Nebenrollen wissen zu begeistern. Besonders beeindruckend ist Laurie Holden, die bereits in Darabonts DER NEBEL vorzügliche Arbeit ablieferte. Dasselbe gilt für den altgedienten Jeffrey DeMunn, der selber Anno 1987 als Sheriff gegen den BLOB antrat. Jon Bernthal bekleidet mit Ricks ehemals bestem Kumpel und Hilfssheriff Shane eine schön zwiespältige Rolle, die reichlich Konfliktpotential bereithält. Herausragend ist natürlich besonders auch die Leistung des großartigen Michael Rooker (HENRY – PORTRAIT OF A SERIAL KILLER) als soziopathischer Redneck Merle Dixon, sowie Norman Reedus (DER BLUTIGE PFAD GOTTES) als dessen Bruder Daryl, der ein wandelndes Pulverfass darstellt und trotzdem einen höchst differenzierten Charakter mimt. Aber es gibt auf der Seite der Schauspieler keinerlei Ausfälle zu verzeichnen, alle legen Höchstleistungen aufs Parkett – was sicherlich auch dem erstklassigen Drehbuch mit seinen fein nuancierten Charakteren und Darabonts messerscharfer Inszenierung zu verdanken ist.
Bei der Gewaltdarstellung gibt TWD sich äußerst ruppig. Zwar sind die Ausbrüche selten und kurz, dafür aber umso drastischer und schmerzhafter. Und an keiner Stelle dienen die gezeigten Brutalitäten einem vordergründigen Selbstzweck, stets fügen sie sich in unausweichlicher Konsequenz in die Handlung ein. Flüchtige Schauwerte um des reinen Schocks willen werden durchgehend vermieden.
Bereits in der brillanten Expositionssequenz wird ein etwa zehnjähriges Zombie-Mädel im weißen Nachthemd per extrem garstigen Kopfschuss in die ewigen Jagdwurstgründe befördert – der kontroverse Tabubruch des „Kindermords“ aus DAWN OF THE DEAD wird somit bereits am Filmanfang abgefrühstückt, um klarzustellen, wo der harsche Wind herweht. In dieser Hinsicht hat Special Makeup-Gott Greg Nicotero (der auch als Ko-Produzent agierte) vortreffliche Arbeit geleistet. Das gilt auch für die hervorragenden Zombie-Masken, die dank sparsam eingesetzter und sinnvoll ergänzender CGI-Effekte so wirklichkeitsnah wirken, wie in keinem anderen Untotenfilm zuvor. Ohne allzu viel spoilern zu wollen, will ich besonders auf die „kriechende Frau“ im Stadtpark in der Pilotfolge hinweisen – da stockte mir der Atem…
Die Gewalt in TWD geht an die Nieren, da sie einen bislang nie erreichten Grad an Realismus aufweist und sich an keiner Stelle in exzessiven Splatter-Orgien ergeht, die eventuell für auflockernden Comic-Relief sorgen könnten. Ein befreites Auflachen wird dem Zuschauer verwehrt, die Party-Chips bleiben quer im Halse stecken. Humor, das sollte vermerkt werden, blitzt in TWD sowieso höchst selten auf, und wenn doch, dann ist er schwärzester Sorte.
Die Vorstellung, daß diese Schlachtplatte im deutschen TV unzensiert laufen könnte, mutet geradezu grotesk an. (Und richtig, laut OFDb wurde bei der deutsche Erstausstrahlung auf Fox Pay TV auch massiv die Schere angesetzt, sowohl bei Handlungs- als auch bei Gewaltszenen.) Es bleibt abzuwarten, ob uns hierzulande zumindest eine ungeschnittene DVD- bzw. BD-Veröffentlichung serviert wird.
Ich kann es kaum erwarten, bis die zweite Staffel ausgestrahlt wird, was wohl frühestens im Herbst 2011 der Fall sein wird. Die Dreharbeiten sollen Anfang 2011 beginnen.
Fazit: Ein Meisterwerk. Sämtliche kommenden Ausflüge ins Reich der wandelnden Toten werden sich an diesem neuen Meilenstein messen lassen müssen. Mit Freuden ziehe ich unglaubliche 10 von 10 Punkten.
- Pelle -
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