Filmclub Bali
 

SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF

(„Buio Omega“, Italien 1979) R: Joe D´Amato alias Aristide Massaccesi

Vorbemerkung:

Der folgende Text ist weniger eine objektive Filmbesprechung, als ein subjektiver Erlebnisbericht. Man möge mir das verzeihen!
Inhaltsangabe:
Der junge und gutaussehende Frank (Kieran Canter) lebt mit seiner spröden Haushälterin – und Halbschwester? – Iris (Franca Stoppi), die ihn auch großgezogen hat, auf einem luxuriösen Schloss, das er von seiner Familie geerbt hat. Als seine Verlobte Anne (Cinzia Monreale) an einer mysteriösen Blutkrankheit stirbt, knallt dem Hobby-Tierpräparator Frank die Sicherung durch. Weil er sich mit dem vorzeitigen Ableben seiner Liebsten nicht abfinden will, gräbt er die Leiche aus und unterzieht sie einer konservierenden Spezialbehandlung. Dies geschieht sehr zum Verdruß von Iris, die in Anne eine verhasste Konkurrentin sah, da sie in quasi inzestuöser Zuneigung zu Frank steht. Obendrein muss sie sich mit der Entsorgung der Leiche einer amerikanischen Anhalterin abplagen, die Frank bei seinem morbiden Tun beobachtet hat und daher aus dem Weg geräumt werden musste. Es soll nicht die einzige Tote im Haus bleiben. Zu allem Übel beginnt auch noch ein Privatdetektiv herumzuschnüffeln – und dann steht plötzlich Annes Schwester auf der Matte…
Sado
I.
Im Beschlagnahmebeschluss durch das AG Tiergarten vom 01.03.2000 ist zu lesen:
„Der Film enthält eine Vielzahl brutaler und grausamer Tötungsszenen. In dem Film werden Szenen gezeigt, wie anderen Menschen Schmerzen und Qualen zugefügt werden.“
- Tja, das stimmt. Aber ohne diese Szenen wäre der Film nur halb so spaßig! Massaccesi serviert eine dampfende Wurstplatte, die alle Abartigkeiten bereithält, welche das Herz des Gourmets erfreuen: Nekrophilie, Inzest, Kannibalismus, Leichenschändung, Verstümmelung, Mord. Was will der Genießer mehr? Außerdem kann man von dem Film viel lernen: wie man seine nervigen Nachbarn fachgerecht verschwinden lässt, zum Beispiel. Das verdiente Prädikat „Besonders wertvoll“ wurde ihm jedoch bislang verwehrt. Sobald ich aber endlich Diktator von Deutschland geworden bin, wird dies meine erste Amtshandlung darstellen.
II.
Dem armen Onkel Joe hängt ja der Ruch an, ein dilettantischer Schmutzfink und Billigfilmer ohne jegliche Inspiration zu sein. Tjo, das mag zutreffen – ich prophezeie aber hiermit, daß der Tag anbrechen wird, an dem D´Amato als großer Autorenfilmer anerkannt wird und sein Meisterwerk BUIO OMEGA den Status eines verehrten Mitternachtsfilms einnehmen wird, der wie ERASERHEAD von einem ergebenen Stammpublikum frenetisch abgefeiert wird. Als Kameramann galt Aristide Massaccesi, wie D´Amato mit bürgerlichen Namen heißt, als kleines Genie, der durch seine geschickte Bildgestaltung so manchen Schmuddelstreifen auf überdurchschnittliches Niveau zu hieven verstand. Als Regisseur blieben ihm diese Lorbeeren verwehrt, wimmelt es in seinem Oeuvre doch von Sudelwerken, die wohl niemals ins Pantheon der Arthouse-Fraktion aufsteigen werden – aber einen warmen Platz im Herzen aller Freunde des Bahnhofskinos innehaben. Die bittere Zeit meiner Jugend wurde liebevoll versüßt durch Schlammperlen wie IN DER GEWALT DER ZOMBIES, MAN-EATER oder PORNO HOLOCAUST. Neben dem psychotropen DIE MÖRDERBESTIEN dürfte BUIO OMEGA aber D´Amatos bester Film sein.
III.
Ganz offenkundig hat D´Amato sich für SADO von Hitchcocks PSYCHO und den Gialli von Meister Argento inspirieren lassen, freilich ohne jemals an deren Qualitäten zu kratzen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn SADO hat seine ganz ureigenen Vorzüge – die sich jedoch nicht jedem Zuschauer erschließen werden. SADO kann man nur lieben oder hassen. Der Film hat eine hauchdünne „Story“, ist nicht sonderlich spannend, dramaturgisch ungeschickt und recht hölzern inszeniert. Dennoch (deshalb?) bereitet er dem Connaisseur abseitiger Genüsse eine große Portion Freude. Die Kamera ist formidabel, die Atmosphäre herrlich morbid-sleazig… das Werk verbreitet eine ganz besondere, enorm bizarre Grundstimmung, die jedoch nicht per Knalleffekt mit der Tür ins Haus fällt, sondern sich bösartig durch den Hintereingang schleicht.
Kollege Blap brachte es so trefflich auf den Punkt, daher zitiere ich ihn an dieser Stelle einfach mal: „Der Film ist ruhig und sanft fließend inszeniert. Ein Fest für Genießer.“
So ist es. Besonders Zuschauer, deren Sehgewohnheiten durch MTV-Mutationen und SAW-Derivate verstümmelt wurden, werden SADO wahrscheinlich als öde und langatmig bezeichnen. Die Inszenierung ist gemächlich und lässt sich Zeit, die Blutwurst-Einlagen sind sparsam gesät, dadurch aber umso effektiver. Apropos „Gore“: Einen kleinen Skandal verursachte der Film damals, weil den Machern unterstellt wurde, man habe eine echte Leiche für die berüchtigte Autopsie-Szene verwendet. Viel verstörender ist der kühle, präzise Pragmatismus, mit dem Frank zuwerke geht. Auch die Entsorgung der ermordeten Anhalterin (einer ekligen Hippie-Kuh, der man umgehend einen grausamen Tod an den Hals wünscht!) ist deshalb so extrem, weil der Vorgang als leidenschaftslose, routinierte Plackerei, als notwendiges Übel dargestellt wird. It´s a dirty job, but someone´s gotta do it!
Der berühmten Fingernägel-Szene wurde auch sensationsgeiler und unnötig ausgewalzter Sadismus vorgeworfen – innerhalb des kruden moralischen Wertekomplexes des Films funktioniert die Szene aber bestens. Außerdem heißt der Film schließlich SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF und nicht FIDO – GEH MIT MEINEM PINSCHER GASSI.
Was übrigens viele nicht wissen: SADO ist das Remake des Films DAS 3. AUGE (1966) von Mino Guerrini, in dem Franco Nero und Erika Blanc sich einen meiner Lieblings-Filmdialoge liefern:
Erika:" Aber das ist ja geradezu ein Horror-Zimmer! Gibt es denn kein Freundlicheres im Haus?"
Franco: "Zieh dich aus!"
Bei BUIO OMEGA wurde natürlich die psychologische Komponente durch den Einsatz von reichlich Innereien und Mettgut verdrängt, aber das macht ja nichts.
IV.
Der Film steht und fällt jedoch mit einer Person, der man gar nicht genug huldigen kann, mit FRANCA STOPPI! Ihr gehören einige der unvergesslichsten Szenen aus BUIO OMEGA, ihre von flackerndem Wahnsinn umwitterte Präsenz lässt das Blut in den Adern erstarren! Zu meinen erklärten Lieblingen zählt die Szene, als Iris nach der schweißtreibenden Verhackstückung für sich und Frank das Abendessen auftischt, ein widerlicher Brei, der frappierend an die Leichen-Suppe aus der Blutwanne erinnert. Während es Frank hochkommt, stopft Iris die Tunke in sich hinein, als gäbe es nie wieder etwas Besseres. Oder wie sie Frank beherzt die bloße Brust hinstreckt, als er traurig ist. Oder die wunderbar kranke Szene, als sie ihre degenerierte Sippschaft zur Hochzeit eingeladen hat und ein Spanferkel serviert. Einfach herrlich, die Stoppi kennt keine Ekelgrenze, die Frau will ich heiraten! Man soll ihr einen Altar errichten und sich täglich davor in seinen eigenen Körpersäften wälzen, bis das der Tod eintritt!!
Zum Rest des Ensembles ist nicht viel zu sagen. Kieran Canter fanden möglicherweise viele Frauen attraktiv, weshalb er für die Rolle des Frank besetzt wurde, komplett mit Achtziger-Poposcheitel, Schmollmund und blauen Puppenaugen. Er macht seine Sache halbwegs passabel, hat aber die Ausstrahlung eines Softpornodarstellers (was vielleicht Absicht war). Und richtig, später ging Canter dann auch in Onkel Joes Porno-Sumpf baden, zusammen mit seiner „seriösen“ Karriere. Cinzia Monreales Leistung ist beachtlich, schließlich muss sie 90% des Films eine tote Leiche geben. Am Ende darf sie dann in der Rolle ihrer eigenen Schwester doch noch den Mund aufmachen – tot gefällt sie mir besser.
Die Waffen einer Frau
Franca Stoppi: Die Waffen einer Frau
Der letzte Teil dieser sehr persönlichen Lobhudelei geht an den Synthie-Soundtrack, denn der wurde von Claudio Simonetti & Goblin erstellt und gehört IMHO zum Besten, was die Burschen je abgeliefert haben. Der Soundtrack (am besten auf Vinyl!) gehört in jede Sammlung!
Wie gesagt, man kann den Film wohl nur lieben oder hassen. Ich liebe ihn.
P.S.:
Es gibt freilich einige ekelhafte Momente in SADO. Am ekelhaftesten sind allerdings die Aufnahmen aus diesem 80er Jahre-Tanzschuppen mit Disco-Mucke, Holzvertäfelung und am Tresen rumlungernden Schnauzbart-Prolls. Da hätte ich mich fast übergeben!
***
Noch ein letztes Wort zur DVD, die mir vorliegt: die stammt von XT, hat ein ansehnliches Bild, aber – wie üblich – keine nennenswerten Extras, die interessant wären. (Ein Split-Screen-Bildvergleich, den kein Mensch wirklich braucht & diverse Trailer, außerdem zwei Interviews, die nicht mal auf Deutsch übersetzt wurden und von ziemlichen Versagern geführt wurden. Die arme Cinzia Monreale tat mir richtig leid!)
Wirklich schändlich ist die Tatsache, daß keine italienische oder englische Tonspur beim Hauptfilm vorliegt.
Verpackt ist sie in einem Steelbook mit „Holo-3D“-Cover, was Geschmackssache ist.
- Pelle -
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