Filmclub Bali
 

DIE MÖRDERBESTIEN

("La morte ha sorriso all´assassino",Italien 1972) R: Joe d`Amato

Der verwachsene Franz (Luciano Rossi) steht erschüttert vor der aufgebahrten Leiche seiner geliebten Schwester Greta von Holstein (Ewa Aulin) und hadert mit dem Schicksal: Wer hat seine einzige, große Liebe ermordet? Es werden ein paar Rückblenden eingeschoben: Franz, der in inzestuöser Zuneigung zu seiner Schwester entflammt ist, verfolgt Greta, die im Park lustwandelt und muss mit Ingrimm im Herzen beobachten, wie sie mit einem solventen Herrn (Giacomo Rossi-Stewart) mit Rotzbremse unter der Nase flirtet...
Nächste Szene: Eine Kutsche rast in mörderischem Tempo auf das Anwesen einer Grafschaft zu, der Kutscher verliert die Kontrolle übe das Gefährt und verunfallt. Das Grafenehepaar Eva (Angela Bo) und Walter von Ravensbrück (Sergio Doria) eilt hinzu und rettet eine besinnungslose Frau aus der Kutsche: Es handelt sich um Greta (Nanu? War die Szene zuvor nur ein Traumgespinst??), die unter schwerem Schock steht und das Bewusstsein verloren hat. Diese Diagnose wird zumindest wenig später von dem flugs hinzugezogenen Arzt Dr. Sturges (Klaus Kinski) erstellt, der sich obendrein sehr über einen goldenen Anhänger um Gretas Hals wundert. Darauf befinden sich kryptische Symbole und die Aufschrift "Greta 1906". Diese Entdeckung bewegt ihn in bester Mad Scientist-Tradition dazu, in seinem Laboratorium bunte Flüssigkeiten in Reagenzgläsern zusammenzubrauen, finster vor sich hin zu murmeln und im Keller seines Hauses Experimente mit Leichen zu veranstalten – aus der geplanten Wiederbelebung der Toten wird aber nichts, denn unbekannte Mörderhand befördert ihn vorzeitig aus dem Leben.
Spätestens hier endet der logisch halbwegs nachvollziehbare Teil des Werkes, der Rest ist Delirium. Eine chronologische Inhaltsangabe erübrigt sich. Es können nur verzweifelte Fragen in den Raum geworfen werden: Was hat es mit der Hausdienerin auf sich, die ebenfalls Greta heißt und die sinistre Visionen von Luciano Rossi plagt? Warum ist Greta – also die Aulin jetzt – offenbar schon mehrmals gestorben und weilt dennoch unter den Lebenden? Warum präsentiert sie sich manchmal mit Heilerde in der Visage und sieht an anderen Stellen lieblich und unversehrt aus? Wer ist der mysteriöse Mörder, der umgeht? Was hat Edgar Allen Poe mit alledem zu schaffen? Warum, waruuum...??
Mörderbestien
Kommen wir lieber zu Fragen, die sich definitiv klären lassen: Was haben Peter Newton, Alexandre Borsky, D.W.Griffith und Joe d´Amato gemeinsam? – Richtig, hinter all diesen Namen verbirgt sich ein und dieselbe Person, nämlich Aristide Massaccesi. Massacesi, Schöpfer unvergesslicher Epen wie MAN EATER, IN DER GEWALT DER ZOMBIES und SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF, drehte 1972 seinen ersten eigenen abendfüllenden Spielfilm namens LA MORTE HA SORRISO ALL'ASSASSINO, wörtlich: "Der Tod lächelt den Mörder an" – der Titel ergibt wenig Sinn, aber noch weniger Sinn ergibt der Titel des deutschen Videotapes von Silwa DIE MÖRDERBESTIEN. Ins Kino hat der Film es bei uns erst gar nicht geschafft, was doch schade ist, immerhin ist dies einer der ganz wenigen Schöpfungen des Meisters, wo er mit seinem echten Namen zeichnete.
An mein erstes denkwürdiges Zusammentreffen mit besagter Kassette von Silwa erinnere ich mich mit nacktem Grausen; erwartete ich doch einen zünftigen Italo-Zombie-Schlocker, obendrein mit Klaus Kinski in der Hauptrolle! Was man dann aber aufgetischt bekommt, ist ein verdammt hartes Kraut – und garantiert etwas ganz Anderes, als man erwartet hat...
Meine Fresse, ich bin ratlos – wo soll ich anfangen? – Wer die Inhaltsangabe aufmerksam gelesen hat, wird bemerkt haben, daß der Film sich in mehrere, parallel laufende Erzählstränge aufspleißt, deren Zusammenhang nicht wirklich erkennbar ist und oft auch gar nicht vorhanden. Fährten führen ins Nichts, plötzlich tauchen sie wieder auf und verlaufen sich erneut ins Nirgendwo. Ein kohärenter Handlungsverlauf ist nicht erkennbar, ebenso sollte man keinerlei herkömmliche Logik erwarten.
Hier noch einmal ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung: Das gräfliche Ehepaar hegt sexuelle Gelüste für Greta, die traumwandlerisch auf dem Anwesen herumflaniert. Es kommt zum Geknatter mit beiden, Eifersucht auf den jeweils anderen regt sich. Gräfin Eva hält es irgendwann nicht mehr aus, lockt Greta in den Keller und mauert sie lebendigen Leibes ein. Auch eine schwarze Katze kraucht durch die Gänge, mit eingemauert wird sie aber nicht. Natürlich taucht Greta bei einem Maskenball wieder auf, mit Matsche im Gesicht. Als später die Wand aufgestemmt wird, springt dann doch die Katze heraus. Später wird besagter Dachhase dann auch mal gern als Wurfgeschoss zweckentfremdet, besonders Luciano hat darunter zu leiden... Ächz, was wollte ich eigentlich sagen?
Naja, irgendwann taucht dann der solvente Herr mit Schnäuzerbefall vom Anfang wieder auf – es ist der Vater des Grafen! Auch einen Inspektor (Attilio Dottesio) gibt es, und der hat eine Frau, und die sieht aus wie Greta...
Wer den Film nicht kapiert hat, sollte deswegen nicht gleich zum Giftflakon greifen und seine Existenz im eigenen Blute ersäufen – ich habe den ganzen Kladderadatsch beim ersten Anschauen nicht begriffen und beim zweiten Mal war´s auch nicht viel einleuchtender. Das macht aber alles gar nichts, denn Massaccesi wandelt mit LA MORTE HA SORRISO ALL'ASSASSINO in den Fußstapfen von Fellini und Buñuel. Ein gestrichener Esslöffel Jean Rollin wurde obendrein hinzugefügt. Die enormen surrealen Qualitäten des Films mögen unbeabsichtigt gewesen ein, vorhanden sind sie allemal. Und das Seltsamste daran ist: Es macht großen Spaß, sich dieser Wirrnis hinzugeben!
Das liegt vor allem daran, daß der Film in technischer Hinsicht durchaus solide geraten ist. Obwohl auch auf dieser Ebene, wie bei allem in diesem Streifen, Durchwachsenes regiert. Die Kamera (Massaccesi himself) ist teilweise sehr gelungen, teilweise geradezu dilettantisch. Einige äußerst ordentliche Bilder sind ihm gelungen, was allerdings auch an der sehr stimmigen und atmosphärisch überzeugenden Kulisse liegt – das Anwesen der Grafschaft ist eine Wucht und verströmt reichlich wohlige Gothic-Grusel-Stimmung. Zeitweise durchweht den Film der Geist eines Gaslicht-Romans, komplett mit edelkitschigen Weichzeichner-Aufnahmen und schmalzigem Pornogedudel. Hie und da wird ein klassisches Haunted House-Gefühl verbreitet, fast geht es wie in einem Vincent Price-Vehikel von Roge Corman zu. Dann wieder wähnt man sich in einem Giallo, wenn die Mörderbestie, dargestellt durch subjektive Handkamera, sich an ihre Opfer anschleicht und sie danieder schnetzelt. Wenn sich dann noch die völlig selbstzweckhaften und sinnlosen Rödeleien und Voyeurismen hinzugesellen, gewürzt mit einer satten Kelle Splatter-Schleim und quellendem Gedärm, erkennt man deutlich die Handschrift von Onkel Joe...
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die Musik von Berto Pisano, die mitunter äußerst effektiv und gänsehauterzeugend daherkommt, zuweilen aber auch unerträglich auf die Nerven fällt.
Die nicht-lineare und extrem verwirrende Struktur des Drehbuchs (?) mögen aufgeschlossene Zeitgenossen als unkonventionelles Experiment lobpreisen, andere werden das Resultat als zum Kotzen langweilig und öde bewerten. Meine bescheidene Ansicht liegt irgendwo in der Mitte, denn obwohl der völlig konfuse Film eine schwer zu schluckende Pille ist, gefällt er mir dennoch und hat sich einen Ehrenplatz in meiner Sammlung (und meinem großen Herzen!) gesichert – in der Abteilung "Krudes & Abstruses" steht er direkt neben den Werken von Renato Polselli.
Die Schauspieler liefern, zum Gesamtbild passend, ähnlich Zwiespältiges ab. Ewa Aulin ist ja recht putzig anzusehen, in der Rolle der mysteriösen Rächerin aus dem Totenreich wirkt sie mitunter schon etwas deplaziert – aber auch das unterstreicht die traumartige Note des Films. Die Leistungen von Sergio Doria und Angela Bo erschöpfen sich weitgehend darin, im Schlosspark herumzusitzen, Tee zu schlürfen und Ewa Aulin mit gierigen Blicken zu verzehren. Übrigens trägt auch Doria (wie der Vater, so der Sohn) ein hässliches Gestrüpp auf der Oberlippe. Klaus Kinskis Auftritt ("Der Arzt ist da!") ist leider viel zu kurz und wird mit starrer Gesichtsmuskulatur absolviert, bereitet aber trotzdem Laune. Luciano Rossi als buckliger, schwitzender Franz ist göttlich – ich verehre den Mann!
Schlusswort: Ein herrlich obskures Kleinod des schrägen italienischen (Horror-)Kinos und wahrscheinlich einer der besten Machwerke von Joe d`Amato!
***
Was den Film leider unnötigerweise verhunzt, ist die miserable deutsche Video-Synchro, bei der man ein paar selten lustlose und untalentierte Sprecher zusammengewürfelt hat. Die (schon recht rar und teuer gewordene) DVD-Ausgabe von X-Rated bietet leider keine italienische Original-Tonspur an, ist in eine sperrige große Hartbox verpackt und schaut ziemlich hässlich aus. Wie auch immer, besser so, als gar nicht – der Film ist Kult und allemal ansehnlicher als die Pornos, die Massaccesi später mit Sarah Young gedreht hat...
- Pelle -
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