Filmclub Bali
 

JOHN RAMBO

("Rambo IV", USA/Deutschland 2008) R: Sylvester Stallone

Prolog:

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, als es noch Videokassetten gab. In diesen Tagen existierte eine leider längst ausgestorbene Spezies, die zum Stammkundenkreis der Videotheken zählte...
Diese Exemplare der Gattung Mensch stammten aus der hart arbeitenden Unterschicht, hielten sich blondierte und kaugummikauende "Perlen" und entstiegen grundsätzlich auf Sportwagen getrimmten Proletenschleudern, die sie direkt vorm Eingang der Videothek parkten. Man kleidete sich vornehmlich in glitzernde Jogginganzüge in Kombination mit Cowboystiefeln. Die behaarte Brust war weitgehend freigelegt, im Gewöll glänzten Goldketten und Kreuze. Schnauzbart war Pflicht, gern trug man dazu Vornekurzhintenlang oder Poposcheitel. Weit wichtiger als das optische Erscheinungsbild war aber der unmissverständliche Gesichtsausdruck, den man wie eine Phalanx vor sich herschob: man guckte hart. Die Kieferknochen mahlten unter der solariumsgebräunten Backenmuskulatur, die Augenschlitze waren zu Fäusten geballt.
Oh ja, mit dieser Sorte Eisenfresser war nicht gut Rosentee trinken, wenn solch ein harter Knochen sporenklirrend und Marlboro-rauchend in den VHS-Verleihfachhandel eintrat, senkte man demütig den Blick gen Boden. Ein guter Kumpel nannte das: The Spirit of Chuck Norris. Und wenn solch ein Butzenmann den Mund aufmachte, dann konnte man seine Rosette darauf verwetten, daß er mit grollendem Bariton hervorstieß: "Der neue Rambo schon gekommen?"
Ich frage mich oft, in welche Exile diese wahren, einzig echten Männer heutzutage abgetaucht sind. In welchen Hinterhöfen stehen ihre blankpolierten Manta-GTIs, auf welchen Tag des Heulens und Zähneknirschens warten ihre hautengen Muscleshirts, um entmottet zu werden?
Die Antwort ist da, sie steht in den Videotheken, sie lautet: RAMBO 4!


Der wortkarge Vietamveteran John Rambo (Stallone) verdingt sich in Thailand, nahe der burmesischen Grenze, als Schlangenfänger für zweifelhafte Schausteller. Eine Gruppe christlicher Missionare bittet ihn um Hilfe, um Medikamente in ein benachbartes Flüchtlingslager zu schaffen. Zunächst zeigt Rambo ihnen den kalten Mittelfinger, der Idealismus der hübschen Sarah (Julie Benz) vermag es jedoch, ihn umzustimmen. Kurz nach Ankunft der Missionare verübt das Militär ein Massaker im Dorf und verschleppt die Gruppe. Rambo erhält Besuch von einem Priester, der ihn über das Schicksal der Missionare unterrichtet und ihn bittet, mit einer Gruppe Söldner in den burmesischen Dschungel zurückzukehren...
John Rambo
Bereits vor den Credits serviert Mr.Stallone uns Originalaufnahmen aus dem Krisenherd von Burma, die für Magendrücken sorgen. Dann sehen wir, eingefangen in malerischen Kamerabildern, wie garstige Schlitzaugensöldner kurzen aber sadistischen Prozess mit Zivilisten machen – mich dünket, hier werden keine Gefangenen gemacht...
Auftritt John Rambo: Zu Beginn erleben wir ihn im thailändischen Dschungel herumkrauchen und Dinge tun, die echte Männer eben tun: Kobras mit der bloßen Hand fangen, Fische mit Pfeil und Bogen erlegen. Come to where the flavour is! Seine ersten gesprochenen Worte auf der Tonspur lauten: "Fuck off, okay?" – Da lag ich bereits in Gebetshaltung auf dem Laminat!
Spätestens bei dem Massaker im Flüchtlingslager, glaubte ich aber, nicht recht zu sehen und zu hören. Was hier an Brutalitäten aufgefahren wird, dürften die braven Leinwände des Mainstreamkinos wohl noch nie zuvor erblickt haben – das WIEGENLIED VOM TOTSCHLAG nimmt sich dagegen wie ein Kindergartenfest aus. Und wenn dann "Sly" Stallone seinen Flitzebogen auspackt und für Zucht und Ordnung im Busch sorgt, bleibt kein Beinstumpf trocken...
Die guten Christenmenschen sind ausgezogen, um das Gebot der Nächstenliebe in den Urwald zu tragen, aber Rambo macht ihnen bald bewusst, daß hier das Gesetz des Alten Testaments regiert. Und um diese Lehre zu verkünden ist ihm jedes Mittel recht: Unwertes Menschenmaterial wird zerschossen, zerhackt, zersprengt – und wenn´s arg pressiert, wird auch schon mal ein Kehlkopf mit bloßen Händen aus der Strotte gerupft. Das Blut spritzt Hektoliterweise, Köpfe explodieren, Körperteile fliegen im Sekundentakt durchs burmesische Buschwerk. Im Ernstfall zündet man ganz ungeniert eine Mini-Atombombe und entlaubt halb Kleinasien.
Angenehm auffallend ist, wie vehement räudig und dreckig dieser Bastard von einem Actionkracher um die Ecke kommt – der 4. Teil der Rambo-Saga verzichtet auf allzu übertriebene Over the Top-Szenen, wie sie speziell im dritten Film übel aufstießen, pfeift auf jeglichen Pathos und rotzt dem Zuschauer seine gerade mal 76minütige Story wie MG-Feuer um die Ohren. Die Darstellung der Kampfszenen ist schnörkellos und haut direkt in die Schnauze, als ob es eine Gewaltästhetik von Leone, Peckinpah oder John Woo nie gegeben hätte. Selbst die Möglichkeiten von CGI und digitalen Aufnahmeverfahren verwendet Stallone nur sparsam - der Film steht zu seinem rauhen B-Film-Charakter, und läßt nur das zu, was für eine spartanische Action-Inszenierung unabkömmlich ist. Das bis zum Zerreißen straffe Script ist reduziert bis auf die blanken Knochen, hier wird geklotzt, nicht gekleckert.
RAMBO 4 knüpft damit weniger an die überbordenden Materialschlachten des 3.Teils an, sondern besinnt sich auf die ehrliche "Schweiß, Blut und Tränen"-Tradition des 80er Jahre-Söldnerfilms. Ähnlich wie das "Grindhouse"-Projekt von Rodriguez und Tarantino darf man RAMBO 4 als – gelungene! – Wiederbelebung eines vergessenen Genres und einer verlorenen Bahnhofskino-Subkultur begreifen. GEHEIMCODE: WILDGÄNSE und Konsorten lassen grüßen.
Lobenswerterweise verzichtet Stallone auch auf ein kitschiges Ende. Rambos langersehnte Heimkehr ins Vaterland handelt er knapp in ein paar schönen und aussagekräftigen Kameragemälden ab – ohne überflüssige Worte, versteht sich.
Überhaupt ist die Kameraarbeit in höchsten Tönen zu huldigen. Selten wurde der Triumph der rohen Materie über den schwachen Geist ästhetischer zelebriert – wobei es psychisch gesünderen Menschen als ich einer bin, befremdlich anmuten muss, bei diesem filmischen Totalmassaker von "Ästhetik" zu sprechen.
Von Schauspielerleistungen will ich hier nicht faseln, das ist marginales Beiwerk. Stallone ist halt Stallone, basta tutti. Knuffig fand ich die rauhbeinige Söldnertruppe, deren Charakterisierung auf ein angenehmes Minimum gedrosselt wurde. Dem britischen Chef-Asi zerfetzt es – in bester DELIVERANCE-Manier – als erster armer Sau das Bein. Die christlichen Missionare bleiben etwas blass, was nicht weiter schlimm ist; ihre Leistungen beschränken sich auf stilvolles Bluten, Schreien und Sterben.
Zu behaupten, Sylvester Stallone sähe für sein Alter noch gut aus, würde voraussetzen, ihn jemals für gutaussehend gehalten zu haben. Etwas teigig und aufgeschwemmt kommt er zwar daher, aber immerhin ist er fit – fitter, als ich es je war. Die Muskelberge glänzen ölig wie eh und je, das Schmalzhaar hängt fettig in der wurschtigen Visage. Der Blick ist immer noch herrlich stählern-stumpf, die Unterlippe baumelt schief herunter, wie bei einem Schlaganfallopfer. Jeder Spruch ein vergötterungswürdiger Oneliner, den man sich auf die Oberarme tätowieren könnte. So kennen, so lieben wir ihn!
Obwohl Thomas Danneberg die wenigen Dialog-Platitüden von John Rambo gewiss mit Leben gefüllt hat, sollte man sich den Film unbedingt im englischsprachigen Original anschauen. Denn wenn "Sly" mit seiner echten Stimme spricht, dann klingt das wie ein anrollendes Tropengewitter, wie der Donner des jüngsten Gerichts. Wie Johnny Cash, wenn er Rasierklingen gefrühstückt hat. "There´s war in my blood."; Grrr...
Kurzum: Regisseur und Drehbuchautor Stallone jongliert bei RAMBO 4 geschickt mit den Elementen des Totalkaputtmacher-Actionkinos, so daß er hier zwar weder etwas bahnbrechend Neues erschafft, noch mehr als einen reinrassigen Genrefilm abliefert – aber zweifelsohne ist diese adrenalingesättigte Dauerbefeuerung einer der besten Vertreter seiner Zunft.
Schickt die Mutti in die Küche, Jungs – das hier ist Männerkino.
Während der Film überall in der Welt ungekürzt in den Kinos lief, schlug in Deutschland mal wieder erbarmungslos die Zensurschere zu. Auf DVD gibt es eine heruntergeschnittene 16er-Fassung, eine ebenso verstümmelte 18er und eine unzensierte "SPIO/JK: keine schwere Jugendgefährdung"-Version. Obacht ist also beim Kauf geboten.
Lieblingszitat? Es gibt endlos viele. Aber eines bringt alles auf den Punkt:
"Fuck the world."
- Pelle -
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