Filmclub Bali
 

DIE BRUT DES BÖSEN

(Engl. Titel: „Roots of Evil”, Deutschland 1979) R: Christian Anders

Nachdem ich den legendären DIE BRUT DES BÖSEN seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte und lediglich nebulöse Erinnerungsfetzen durch mein Hirn geisterten, bruchstückhaft aufgefrischt durch die Sichtung des wundervoll durchgeknallten Trailers, ließen die seltsame Wirrungen des Lebens die schmerzlich begehrte Kassette von VPS nun endlich an meine Gestade schwappen. Nun ja, es war nur ein billiger Rip auf Silberling, aber man bescheidet sich mit wenig, wenn es gilt, Perlen aus dem schlammigen Muschelgries zu bergen. Und, oha, der Schlamm ist tief hier…
Die Brut des Bösen
Frank Mertens (ausgesprochen: Fränk) ist ein sympathischer Schwiegermuttertraum mit vollem Haupthaar und stahlhartem Bizeps, der in Madrid eine „Karate Academy” betreibt. Gegründet wurde sie vom quasi-mythischen Sensei Takimura, der durch böse Buben ums Leben gebracht wurde – ein Umstand, an dem Frank noch immer das harte Brot der Trauer knuspert. In den Augen der Andern * ist Frank ein Heiland: Seine Schüler verehren ihn, seine Sekretärin Ingrid (Maribel Martin) himmelt ihn mit Kulleraugen an – auch sie ist, wie alle Damen, verliebt in den Lehrer.
Das Leben könnte so schön sein, wäre da nicht der kleinwüchsige Gangsterboss Van Bullock (Deep Roy), der just im gegenüberliegenden Gebäude seine eigene Kampfsportschule eröffnen will. Natürlich ist der smarte Mertens ihm ein Dorn im Auge. Nachdem er es nicht vollbracht hat, ihn via seines schmierigen Maklers aus der Bude zu ekeln, schickt er ihm zwei streitlustige Chinamänner in Jogginganzügen vorbei. Deren „Drunken Master”-Technik hat jedoch keine Schnitte gegen Franks eiserne Fäuste. Am nächsten Tag erweist Frank seinem toten Meister die Ehre auf dem Friedhof und hält intime Zwiesprache („Gestern wurde ich angegriffen von zwei gemeinen Kerlen!”), als er erneut von den Schergen des zwergenhaften Rauschgiftpapstes belästigt wird – zu den schlitzäugigen Jogginganzügen haben sich zwei schmerbäuchige Teewürste gesellt. Es gibt ordentlich Kloppe, das Pack trollt sich. Doch Mertens weint bitterlich, denn einer der Chinesen hat das Bild des Meisters bespuckt und in Stücke zerbrochen. „Warum haben sie das getan?”, schluchzt Frank. „Wie kann man nur so gemein sein?”
Aber einmal trocknen alle Tränen: Tags darauf spaziert die holde Weiblichkeit in Form der schlafzimmeräugigen Cora (Dunja Rajter) in die Karateschule und säuselt: Hallo, wie geht es dir? – für Frank ist sie das schönste Mädchen, das es gibt. In Nullkommanix landen sie zwischen den Laken, während der Soundtrack stöhnt und jault und Geigen schmalzen lässt.
Aber es ist ein Freitag, der dreizehnte, und was Frank nicht ahnt: Cora ist Van Bullocks letzte Trumpfkarte, seine gedungene Geheimwaffe – während der Karatelehrer den Schlaf der Gerechten schläft, schmuggelt sie ihm ein Tütchen Heroin in die Trainingsjacke. Stante pede bollert es an der Tür und die Polente schneit mit einem Hausdurchsuchungsbefehl herein. Der perplexe Frank („Sie sind verhaftet!” „Ja, aber warum denn das?”) kommt hinter schwedische Gardinen, wo Ingrimm ihm das Herz zerfrisst. So gern wäre er nie mehr allein gewesen, aber grausam muss das Schiff der großen Illusionen kentern.
Jedoch auch Cora verzehrt sich in Reue und Gewissensbissen, denn sie hat sich in den kampfestüchtigen Adonis verknallt und will ihre böse Tat wiedergutmachen – schließlich hat der fiese Van Bullock sie mit Drogen gefügig gemacht und zur Sünde gezwungen. Cora ruft bei Franks Tippse an und gesteht ihre Intrige, denn wer liebt hat keine Wahl. Van Bullock sieht das anders und ersticht Cora im Affekt mit einer Schere – aber seine grausige Bluttat war nur ein Schrei nach Menschlichkeit ;Sekunden später heult er Zeter und Mordio, denn schließlich war Cora seine einzig wahre Liebe!
Der bullige Como (Fernando Bilbao mit einem besonders schweren Fall von Schnäuzer), Van Bullocks Mann fürs Grobe, weiß sofort Abhilfe: er spendiert dem Zwerg drei leichtbeschürzte Dirnen und eine 3-Liter-Pulle Schampus. Der kleine Prinz hat umgehend wieder allerbeste Laune, Prickelsekt wird über nackte Weiberärsche ausgegossen, während Como dümmlich grinsend zuschaut – „Heh, heh!”
Ingrid eilt unterdessen mit fliegenden Röcken zum inhaftierten Mertens, denn niemand ist im Leben ganz allein – als sie ihm steckt, was wirklich passiert ist, dreht Frank völlig am Rad: „Van Bullock! Dieses SCHWEEEEEIIIN!” Anstatt darauf zu warten, daß die Mühlen der Justiz zu seinen Gunsten mahlen, tut er das, was jeder echte Mann tun würde: er verdrischt sämtliche Bullen, türmt aus dem Knast und flitzt im Sauseschritt zu Van Bullocks Residenz, wo er allen Jogginganzügen und Teewürsten die Kauleisten verbeult. Als er sich den garstigen Zwerg schnappen will, kommt ihm Como ins Gehege und wirft ihn kurzerhand aus dem Fenster. Obendrein stürmt auch noch die Polizei das Grundstück und ballert mit Maschinenpistolen auf den gebeutelten Karatecrack. Schwer verwundet schlägt Frank sich ins Unterholz des benachbarten Forsts, wo er sich unentwegt fragt: "Warum ist die Welt ohne Liebe?"
Eine schwiemelige Rückblende verrät dem staunenden Rezipienten die erschröckliche Wahrheit: Van Bullock und Como haben Mertens Meister Takimura auf dem Gewissen! Und nun wollen sie Frank seinem Sensei ins Jenseits hinterdrein schicken. Mit nacktem Oberkörper und brodelndem Zorn in der Brust stellt der blonde Racheengel sich den Schurken zum ultimativen Fight…
Sämtliche Trash-Barometer stehen auf Wirbelsturm, die Balken biegen sich, die Scheune brennt! Was Schlagergott Christian Anders hier unter dem Vorwand eines Kung Fu-Films eingetütet hat, geht auf keinen Nilpferdarsch. Man muss es einfach gesehen haben, Worte können dieses Pandämonium des Wahnwitzes nicht annähernd wiedergeben…
In handwerklicher Hinsicht, das sollte klar sein, ist hier ganzjährig Gurkensaison: Kamera und Schnitt sind allenfalls routinierter Durchschnitt, das Drehbuch ist freilich ein hanebüchener Hohn. Nahezu unfassbar sind die Dialoge, taumelnde Sinnlosigkeit und Wahnsinn an allen Fronten. Dazu passend der Text des Titelsongs von Anders, den es leider nicht auf einer seiner zahllosen Best Of-Schlagercompilations zu kaufen gibt: „Dead end! – The road to revenge! Dead end! – Don´t make any sense!”
Die „Choreographie” der Kampfszenen ist an Stümperhaftigkeit nicht zu übertrumpfen, was selbstredend einen Gutteil des Reizes ausmacht – das hysterische Gehampel und Gehüpfe von Mertens und seinen Widersachern sorgt für tränentreibende Lachsalven. Sowas nennt man explosive Leidenschaft! Beim finalen Schlussduell im spanischen Laubwald zwischen Fränk und dem Oberkaputtmacher Como, wenn Der letzte Tanz aufgeführt wird, ist dann endgültig Feierabend – wenn Anders uns den Zappelphilipp-Bruce Lee macht, liegt das gesamte Publikum unter der Chaiselounge und schnappt nach Luft...
Über die Künste der Schauspieler müssen nun wahrlich nicht viele Worte ins die Tastatur gehackt werden. Anders hat das notdürftige Skript eh um seine „charismatische Persönlichkeit” herumgestrickt und lässt keine Gelegenheit aus, sich mit glühender Selbstverliebtheit in Szene zu setzen – sei es nun, wenn er schmachtend im Unterhemd am Fenster steht, minutenlang (und nur mit Leder-Hotpants bekleidet!) die Muskeln spielen lässt oder augenrollend und quiekend durch die Gegend hüpft. Mit jeder Einstellung scheint er zu brüllen: Auf mich hat die Welt gewartet! Dunja Rajter legt eine selten miserable Performance auf die Bretter, und dem Liliputaner Deep Roy nimmt man den Zupfgeigenhansel zwar mit Kusshand ab, als Unterwelt-Tycoon überzeugt er keine Sekunde lang – obwohl er in der Champagner & Koksnutten-Orgie ganz ordentlich Gas gibt. Maribel Martin war u.a. auch in dem tollen Spanien-Grusler THE BLOOD-SPATTERED BRIDE zu sehen. Fernando Bilbao (der hier als „Fred Harris” agiert) verkörpert den tumben Eisenfresser Como mit Verve und grollt im Übrigen mit der deutschen Synchronstimme von Bud Spencer. Der Rest des Ensembles besteht aus Komparsen, Beiwerk und Kanonenfutter, das von unserem Krischan beherzt in die Blumenrabatten gekloppt wird.
Apropos, Synchronstimme: Leider spricht Meister Anders sich in der deutschen Fassung nicht selbst, dies wird von Manfred Seipold (zur damaligen Zeit der Synchronsprecher von Chuck Norris!) besorgt. Lediglich in der englischsprachigen Version (ROOTS OF EVIL) dürfen wir Christians Originalstimme lauschen... was die Fahndung nach diesem Kleinod zum neuen Lebensziel werden lässt!
Ja, die Einsamkeit hat viele Namen: ”Lonely is the man who only got his hands to show somebody who he is”, singt Anders im Titelsong, der mit dufter Disco-Mucke unterlegt ist. Und: „A loser is a man who doesnt't understand that violence is the brother of death!” – Aber wenn die Gewalt der Bruder des Todes ist, dann ist Christian Anders der Großvater der geistigen Umnachtung. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, Endstation Irrsinn…
Die Existenz ist sinnlos ohne diesen Film.
Lieblingszitat (eines unter Tausenden):
„Ich warne Sie, Sie Gnom! Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe, oder ich werde böse!”
* Bei sämtlichen kursiv gedruckten Passagen im Text handelt es sich um Titel von berühmten Schlagern aus der Feder von Christian Anders.
- Pelle -
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